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HuBook-Interview mit Éva Bánki

Valéria Lengyel, HuBook

Éva Bánki (1966) lehrt am Portugiesisch-Lehrstuhl der Eötvös-Loránd-Universität und am Lehrstuhl für Literaturwissenschaften an der Károli-Gáspár-Universität der ungarischer reformierten Kirche in Budapest.

- Was ist Ihr Forschungsinteresse als Mediävistin?

  • Mein Spezialgebiet ist die Troubadourlyrik, innerhalb derer ich mich mit der Gattung Frauenlied beschäftige. Es ist ein besonderes Lied innerhalb dieser weit verbreiteten Dichtung des Mittelalters, in dem der männliche Sänger eine weibliche Perspektive fingiert. Für meine Vorliebe haben unter anderen zahlreiche meiner Studenten Interesse gezeigt, in dem sie z.B. seit Jahren Lieder ins Ungarische übertragen. In der literarischen Internetzeitschrift Palimpszeszt, in der ich seit ihrer Gründung Redaktionsmitglied bin, können ihre Übertragungen problemlos veröffentlicht werden. Außerdem publizierten wir 2004 die Troubadour-Anthologie A tavaszidő édessége (Die Süße der Frühlingszeit) und jetzt kommt eine Sammlung von erotischen Frauenliedern in der Zeitschrift Prae heraus. Meine Studenten sind unermüdlich, ich bin sehr stolz auf sie, und die Entfaltung ihrer Fähigkeiten ist deutlich zu spüren.

- Haben Sie selbst Troubadourlyrik übertragen?

  • Ja. Einige habe ich sogar selbst geschrieben, aus dem Blickwinkel des ersten Troubadours Prinz Wilhelm. Ich bin nämlich der Meinung, dass diese unikale Dichtung nicht bloß rezipiert werden sollte. Die Beschäftigung mit mittelalterlicher Literatur sollte ebenso eine schöpferische Tätigkeit sein, was sich außer der Übersetzung von Liedern auch im Verfassen eigener Gedichte dieser Art manifestieren kann. Aber das ganze Mittelalter mit seinen vielschichtigen Zeitabschnitten reizt und inspiriert mich. Zurzeit arbeite ich z.B. an der Novellensammlung Magyar Dekameron (Ungarisches Dekameron), in dem die Florenzer Jugendliche nach Ungarn fahren und sich beim Anhören von ungarischen Liebesgeschichten vergnügen. Und mein zweiter Roman Aranyhímzés (Goldstickerei) spielt im 11. Jahrhundert in Ungarn, in dem ein Lehrling der venezianischen Vergangenheit des vor Jahrzehnten ermordeten ungarischen Bischofs Gellért nachgeht, um den Lebenslauf des Geistlichen für die Heiligenweihe fertig zu stellen.

- Beide ihrer zwei Romane (Verlag Magvető, 2004; 2005) haben in der ungarischen Öffentlichkeit eine beachtliche Anerkennung gefunden, wobei der zweite vor allem für seine ausgeglichene Handlungsführung und die konzentrierte Schilderung einer Epoche im Gegensatz zu Ihrem ersten Roman gelobt wurde. Sind Sie damit einverstanden?

  • Im Großen und Ganzen ja. Aus meinem ersten Roman esőváros (regenstadt) habe ich sehr viel gelernt, was mir beim Schreiben des zweiten nützlich war. esőváros habe ich damals nachts geschrieben und war vom Text durchaus mitgerissen. Als beginnende, experimentierende, von Erwartungen freie Prosaistin, die früher nur Gedichte verfasst hat, konnte ich der Geschichte einen komischen, grotesken Humor und eine packende, dunkle Transzendenz verschaffen, wozu ich vielleicht nicht mehr fähig sein werde. Aber nun bin ich erfahren und könnte die Ungleichheiten der ausschweifenden Handlung mit Hilfe von meinen heutigen Kenntnissen gerade biegen. Aber das will ich eben nicht. Das Buch soll durch seine Impulsivität und Wildheit seinen Reiz bewahren.

- Auch der Roman esőváros spielt nur teilweise in Ungarn. Inwieweit ist es ein ungarisches Buch?

  • Durch die Schilderung von Episoden zweier Bauernfamilien auf der Großen Schüttinsel, die heute zur Slowakei gehört, wird das 20. Jahrhundert dem Leser vor Augen geführt. Beide Familien sind in schwer nachvollziehbare Liebesgeschichten verwickelt. Aus der Perspektive des literarisch erfolglosen Ich-Erzählers Imre Torma wird seine eigene und die Geschichte der Familien erzählt, währenddessen sich die Handlung auf Nord-Mittel- und Osteuropa erstreckt. Das Buch erfasst also einen größeren Raum Europas als Ungarn, allerdings ist es auf Ungarisch geschrieben, was auch ein Merkmal des Buches ist.

-Der Roman zeigt deutliche Abweichungen von den gewöhnlichen Bauerndarstellungen in der ungarischen Literatur. Was waren Ihre Gründe dafür?

  • Die Bauernschilderung in der ungarischen Literatur ist z.B. von Autoren wie Zsigmond Móricz oder Dezső Szabó geprägt. Ich wollte einerseits von ihrem expressiven, trüben Bild von dem schweigenden, belasteten Bauern wegkommen und eine andere Art von Volkstümlichkeit erfassen, andererseits wollte ich die Geschlechterrollen differenzieren, indem ich meine Frauengestalten sprechen bzw. dichten lasse. Die Hauptfigur ist auch kein typischer Bauer, sondern ein aus dem Bauernmilieu herausfallender, manche weibliche Züge zeigender Autor, der seine Umgebung und die im Alltag erlebten Leiden des 20. Jahrhunderts aus einem breiten intellektuellen Blickwinkel schildert und ironisch kommentiert. Durch diesen Außenseiter mit seinem feinen Spott konnte ich nämlich traumatische geschichtliche Ereignisse, die entweder verschwiegen oder in der Öffentlichkeit lautstark ausgetragen werden, anders erzählen oder in neue Zusammenhänge setzen. Es wäre interessant zu erfahren, ob das Buch sich in dieser Hinsicht vor einem größeren Lesepublikum in Europa behaupten kann. Bald erscheint jedenfalls seine slowakische Übersetzung, was auch ein sehr guter Anfang ist.